Gleich ist es Mitternacht und mein letzter Tag hier neigt sich dem Ende entgegen. Noch einmal ging es zum “Aquafitness”, noch einmal hopsen wir wie Frösche ( DER FROSCH ist hier wirklich eine sehr anstrengende Übung!) durchs Wasser oder fahren mit den “Gummischeiben” als Lenkrad durch das Schwimmbecken. Es hört sich nicht nur komisch an, es ist manchmal komisch und auch dabei wird viel gelacht. Besonders wenn sich die Schwimmnudeln plötzlich in lebendige Schlangen verwandeln und einfach nicht unter den Füßen bleiben wollen… manch älterer Herr hat jedenfalls seinen Kampf mit “diesem Tier” durchzustehen.

Noch einmal geht es in die “Muckibude”, wo wir heute nur zu zweit sind. Viele reisen in diesen Tagen ab, Neue kommen an und müssen erst eingewiesen werden. Besonders schön ist, dass ich zum Abschluss in die Lehrküche darf und mit einer kleinen Gruppe “mediterran” koche. Jeder bereitet ein Gericht zu und wir schlemmen später ausgiebig: Spanische Tomatensuppe, überbackener Feta, Salat aus gegrilltem Gemüse, Nudeln mit Sesam-Basilukum-Pesto, Seelachsfilet aus dem Backofen, selbst gebackenes Ciabatta mit Oliven und getrockneten Tomaten und zum Abschluss einem schönen Obstsalat mit Mandel-Vanillesauce…. hmmm lecker. Wie hat meine Tischnachbarin K. gesagt: “Zieh` ich Arm` und Beine ein, könnt` ich eine Kugel sein!” Das kommt jedenfalls der Beschreibung sehr nahe, wie ich mich nach diesem Essen gefühlt habe.

Noch einmal gehen wir abends auch in den “Schafstall”, der kleinen Kneipe hier nebenan im Westküstenpark (einem kleinen Tierpark). Wir sind eine ganze Truppe, viele von ihnen reisen morgen ab. Es wird viel gelacht. Viele haben ihre erste AHB nun hinter sich. Viele sind mit Fragezeichen hierher gekommen: Wie wird so eine AHB wohl verlaufen? Wird das ein zweiter Krankenhausaufenthalt? Werden mich die vielen kranken Menschen mit ihren Geschichten “runter ziehen”? Aber alle sind sich einig: Es war viel besser als erwartet. Ja, manchmal weinen hier Menschen, sind traurig oder können erst hier “loslassen”. Aber eine Frau am Tisch fasst es so zusammen, wie auch ich es wieder empfunden habe: “Aber die sind ja alle gut drauf hier! Schauen positiv nach vorne, lachen, feiern zusammen!” Vielleicht hätte ich noch hinzugefügt: Und sind auch manchmal traurig zusammen.

Auch ich habe hier ein zweites Mal viel Kraft getankt – nicht nur duch mein Fitnessprogramm, sondern auch durch die Begegnung mit den Menschen hier, die ich sicher nicht vergessen werde.

Es war anders noch einmal hier zu sein – mit etwas Abstand noch einmal zurück zu blicken. Aber es war schön und hat gut getan. Jetzt heißt es Abschied nehmen – denn ein Wiedersehen mit der Rehaklinik Nordfriesland wird es wohl nicht geben. Aber vielleicht ein Wiedersehen mit einigen der Menschen, die ich hier kennengelernt habe. So fahre ich mit einem lachenden und weinenden Auge nach Hause: Lachend, weil ich zu den Menschen gehöre, die erst einmal keine Reha mehr benötigen; weinend, weil diese besondere und intensive Zeit nun zu Ende geht und ich mich von den mir lieb gewonnen Menschen (erst einmal) verabschieden muss.

Auch von euch, liebe Blogleser, verabschiede ich mich nun. Schön, dass ihr mir auf meinem “Rehaweg” so treu  gefolgt seid! Schlaft gut!

Nachdem es gestern bis abends Bindfäden geregnet hat, guckt heute immer mal wieder die Sonne hervor. Trotzdem kann man auch einen Regentag hier gut herum bringen. Ju. und ich haben gestern den Vormittag für ein ausgiebiges Sportprogramm genutzt; erst waren wir in der “Muckibude”, die man hier auch am Wochenende freiwillig nutzen kann, und dann noch im Schwimmbad. Netterweise hat der Bademeister dann auch noch am Schluss den Whirlpool für uns angemacht – der Höhepunkt unseres Wellnessprogrammes. Der restliche Tag verlief dann sehr ruhig. Abends hört es endlich auf zu regnen und Ju. und ich machen noch einmal einen langen barfüßigen Abendspaziergang am Strand. Lange laufen wir schweigend nebeneinander her, unseren eigenen Gedanken nachhängend. Auch das tut gut, einfach mal nicht sprechen zu müssen; den Wellen und dem Wind zu lauschen.

Heute geht mein vorletzter Tag dem Ende entgegen. Mein Abschlussgespräch mit dem Arzt habe ich hinter mir, die Erkenntnis fitter als beim letzten Mal zu sein, auch. Alle meine Werte sind sehr gut und es gibt keinerlei Grund beunruhigt zu sein.

Heute habe ich auch lange mit B. aus meiner letzten AHB telefoniert. Ich habe nämlich meinen drei ehemaligen Tischnachbarinnen und “Strickliseln” eine Karte von hier geschrieben und direkt von B. eine Mail erhalten. Es ist schön, mit ihr zu sprechen und zu hören, dass auch sie gesund ist. Allerdings ist es auch ein sehr trauriges Gespräch; B. erzählt, dass ihr Mann völlig unerwartet im März gestorben ist. Er hatte Leukämie, ich habe davon im letzten Blog berichtet. Weder die Ärzte noch B. hatten damit jedoch so plötzlich gerechnet: “Vielleicht ist ihm so auch viel Leid erspart geblieben”, erzählt B., “aber es war trotzdem furchtbar. Beim Frühstück sagte er, dass es ihm nicht gut gehe, er kippte vom Stuhl und war tot.” B. weint leise. Ich teile ihren Schmerz und obwohl ich sie lange nicht mehr gesprochen habe, fühle ich mich ihr sehr nahe. Sie entschuldigt sich bei mir für ihr Weinen – ,was für ein Blödsinn’, sage ich, ,für so etwas müsse man sich doch nicht entschuldigen’ – und weine fast mit ihr. Kurze Zeit später erzählt sie mir, dass sie nun einen Aquarellkurs macht, den ihr Mann ihr nach der letzten AHB geschenkt hat, weil sie von dort so schöne Bilder mitbrachte. Und einen Urlaub hat sie auch schon gebucht, eine Schiffsreise nach Avignon mit einer Freundin. Mal wieder staune ich, welche Kräfte in einem Menschen stecken und wie stark B. in diesem Moment ist – auch wenn sie so traurig ist.

Heute liegt auch mein Abschiedskaffeetrinken der Klinik hinter mir. So wie letztes Mal auch, kommt noch einmal der Chefarzt, verabschiedet sich von allen, die diese Woche abreisen. Auch Dr. G. einer der Psychologen, erzählt wieder seine Geschichte. Die Geschichte vom Bauern, dem ein Pferd entlief. “Was für ein Unglück.”, sagten seine Nachbarn. “Glück oder Unglück”, sagte der Bauer, “wer will das entscheiden?” Da kam das Pferd mit einer Herde Wildpferden zurück. “Was für ein Glück”, sagten die Nachbarn. Doch der Bauer zuckte nur die Schultern und sagte: “Glück oder Unglück? Wer will das entscheiden?” Der Bauer hatte auch einen Sohn und dieser ritt auf einem der Pferde – fiel vom Pferd und brach sich die Knochen. “Was für ein Unglück”, sagten die Nachbarn. “Glück oder Unglück, wer will das entscheiden?”, antwortete jedoch der Bauer. Da brach ein Krieg aus und alle jungen Männer wurden eingezogen. Nur der Sohn des Bauern nicht, denn er hatte die Knochen gebrochen. “Welch ein Glück”, sagten die Nachbarn. Doch der Bauer antwortete wieder: “Glück oder Unglück. Wer mag das entscheiden?”

Diese Geschichte könnte man endlos weiter erzählen und doch ist die Botschaft für uns alle klar; manchmal kann ein vermeintliches Unglück auch zum Glück werden…. Und letzlich liegt es auch an uns, was wir daraus machen oder wie wir damit umgehen.

Während der Geschichte, blicke ich mich im Cins um. Schaue in mir vertraute Gesichter, aber auch in sehr fremde, die mich aber trotzdem anlächeln. Andere blicken nachdenklich in die Ferne, sehen traurig aus, hängen ihren Erinnerungen nach. Für alle hier endet eine sehr intensive Zeit. Ich denke daran, wie wichtig es ist, zu versuchen im Heute zu leben – auch wenn das im Alltag oft schwer ist.

Heute habe ich viel erlebt: Mein Sportprogramm, ein intensives Telefongespräch, das Abschlusskaffeetrinken, ein letzter Besuch im Schafstall mit K., die morgen abfährt. Und einen Abendausklang bis zur “Sperrstunde” im Strandkorb mit Ju. So viel steht fest: DAS Heute fühlt sich gut an. Jetzt kann ich schlafen gehen. Gute Nacht!

Mein letztes Wochenende beginnt hier und in meinem Postfach lag schon der Rückmeldebogen der Klinik und der Termin für mein Abschlussgespräch hier in der Klinik. Die drei Wochen vergingen wirklich wie im Flug.

Gestern haben Ju. und ich den Nachmittag noch einmal genutzt um zum Meer zu fahren. Bei einem langen Strandspaziergang ging uns noch einmal durch den Kopf, wie unsere Krebsgeschichte begann. Noch ganz genau wissen wir, wie wir die Diagnose verkündet bekommen haben. Ju. saß gerade bei der Arbeit, war zum Glück allein im Büro als das Telefon klingelt und ihr Frauenarzt sagte: “Ich hab leider keine guten Neuigkeiten für Sie”. Und zack, da war der Krebs da. Schwarz auf weiß. “Ich hab sofort angefangen zu heulen. Mir ging durch den Kopf: Chemo, Glatze, all das. Der Arzt hat dann gefragt, ob ich in die Praxis kommen kann. Da habe ich dann weiter geheult.”

Auch ich weiß noch, wie ich in der Schule vormittags am Telefon stand – schon mit dem schlechten Gefühl, dass etwas mit mir nicht stimmt, denn das Ultraschall meiner Hausärztin hatte nichts Gutes gezeigt. Und dann sagte der Arzt: “Bei Ihnen besteht der Verdacht auf ein Lymphom? Dann kommen Sie sofort vorbei.” Als ich sagte, ich sei mitten im Unterricht meinte er nur: “Ist Ihnen Ihre Gesundheit oder Ihre Arbeit wichtiger?” Also hab ich meine Klasse an meine Kollegin abgegeben, bin zur Schulleiterin und habe gesagt, dass ich sofort in die Klinik muss. Und dann saß ich da vor Dr. B., einem “Seebär” von Mann, ganz ohne weißen Kittel, der mir auf seine Art zu verstehen gab, dass wir “das Kind schon schaukeln” werden…. Es ist schon merkwürdig, wie sich das Leben dann von einem auf den anderen Tag verändern kann. Und diese Momente werden wir wohl nie vergessen.

Abends haben wir dann in Ju.s Zimmer gesetzt und uns unsere Fotos mit den unterschiedlichsten Frisuren gezeigt… auch Ju. hatte einmal lange, volle, sogar lockige Haare. Und dann das Bild mit Glatze. Das ist schon ein krasser Unterschied, aber wir lachen viel. Wir, die “Cancer girls”… ja, der etwas makabere Name ist in einer sehr lustigen Nacht in unserer Triorunde noch mit F. entstanden (die ich bisher noch verschwiegen habe, weil wir alle etwas angeheitert waren und das, obwohl Alkohol hier doch verboten ist…) und in der wir zu Katzenjammer und Oasis durch unser Rehazimmer getanzt sind… tststs.

…Aber wenn wir so weiter machen wie heute, dann werden aus uns noch die “Fitness-girls” ;-) , denn heute haben wir den Vormittag fast komplett im Schwimmbad verbracht. Erst mit normalen Bahnen und dann noch mit einer Runde Aquafitness. Und nach dem Mittagessen kommt plötzlich die Sonne heraus! Wirklich sehr nett, dass ihr sie endlich hoch geschickt habt! Das mussten wir natürlich ausnutzen und so haben wir uns auf die Räder geschwungen (ich konnte mir netterweise eines von K. leihen) und los ging es. Zwei Stunden den Deich entlang Richtung Westerhever Leuchtturm. Vorbei an Dünen, Schafen und Pferden, entlang von saftigen Wiesen und dem Blick auf die Nordsee. In Westerhever gönnen wir uns einen “Lammknacker” und ein Eis und dann geht es wieder zwei Stunden zurück.

Jetzt wollen wir aber gleich nochmal los, denn so viele Gelegenheiten einen Sonnenuntergang am Meer zu beobachten, gibt es ja nicht mehr!

Heute ist wirklich richtiges “Schietwetter” und ich finde, ihr im Süden da unten, könntet mal die Sonne hier hoch schicken. Das Wetter trägt nämlich gerade nicht unbedingt dazu bei, dass sich mein kleiner “Rehakoller” hier legt…

Man bekommt hier (besonders bei so einem Wetter) aber auch wirklich einen kleinen “Krebsschaden” und sieht  Dinge vielleicht auch manchmal etwas zu sehr aus der “Krebsperspektive”. So wird beim Fußball gucken überlegt, ob Mathias Sammer z.B. Krebs hatte oder ob er einfach an Haarausfall leidet. Oder ob Ina Müller ihre Haare vielleicht gar nicht freiwillig abgeschnitten, sondern ebenfalls andere (Krebs-) Gründe dafür hatte. Und als F. noch hier war (er ist leider auch vorgestern gefahren, hat unsere nette Triorunde verlassen und dafür gesorgt, dass der Altersdurchschnitt weiter steigt…), erzählte er eine ebenfalls sehr skurile Geschichte: An einem seiner Nachbartische kam eines Tages M. an den Tisch und verkündete mit sehr ernster Stimme: “Es ist gestern etwas Schlimmes passiert. Jemand ist in der Klinik verstorben.” Woraufhin sich natürlich sehr betretenes Schweigen verbreitete. Jeder denkt hier, dass alle schon das Schlimmste hinter sich haben und so etwas hier nicht passiert. Schließlich fragte jemand am Tisch, woher er das denn wisse. M. sagte: “Das stand auf der Ausflugsliste, für die ich mich eingetragen hatte. Dort war der Name des Verstorbenens durchgestrichen und dahinter vermerkt: gest. am 5.8.” Nach einer längeren Schweigepause unterbrach schließlich ein weiterer Tischnachbar die Stille und warf ein, dass das evtl. aber auch “gestrichen am 5.8.” heißen könnte und der eben noch verstorben geglaubte Mann vielleicht sogar selbst diesen Vermerk geschrieben hätte, weil er nicht an dem Ausflug teilnehmen wollte… Letzteres erwies sich dann auch glücklicherweise als die richtige Theorie… So kann sich der Blickwinkel auf Dinge hier verändern.

Heute hatte ich aber auch Post in meinem Fach – wie toll! Die kam genau richtig gegen meinen kleinen Rehakoller. Sogar ein Päckchen und ein Brief, wie schön! Danke! Und dann hat mich auf der Postkarte auch noch ein kleiner Maulwurf so nett angelächelt, dass mein kleiner Rehakoller gleich noch kleiner wurde. Nach einem absolut auspowernden Aerobic, einem stürmischen Spaziergang über den Deich und einer lustigen Kniffelrunde, ist er nun eigentlich auch ganz verschwunden. Jetzt müsst ihr nur noch die Sonne rüber schicken, denn die Regenschirme werden hier, wie man sieht, eh anders verarbeitet!

Die Reinigunskraft sagte heute zu mir, dass es diese Nacht hier so wie in den Herbstmonaten gestürmt hat. Der Sommer hat sich leider nicht lange hier oben blicken lassen und heute zieht der Wind durch die Rehaklinik, überall ächzt und heult es und die Möwen fliegen im Eiltempo an meinem Fenster vorbei.

Heute hatte ich auch meinen allersten kleinen Rehakoller hier. Gestern und heute ist nämlich ein ganzer Schwung junger netter Leute gefahren – zum Beispiel ein großer Teil meiner Aerobicgruppe (wir waren da immer nur zu sechst) und auch beim  “Gehen 3″ muss ich nun ohne nette Unterhaltungen mit J. auskommen. Leider hat der Blick durch den Speisesaal gezeigt, dass sich die Altersstruktur eher deutlich nach oben verschoben hat und das gibt einem dann doch ein ganz anderes Gefühl hier. Mal sehen, wie das in der letzten Woche nun so wird und ob das auch in den Anwedungen zu spüren ist… (will mich nicht doch noch jemand besuchen kommen???). Immerhin bleiben mir meine netten Tischnachbarinnen noch eine Woche erhalten und auch Ju. ist noch da.

Mein Programm war heute auch sehr entspannt; nach Aquafitness hatte ich nachmittags ein sehr gutes und angenehmes Gespräch mit einer Psychologin, denn natürlich gehört zur onkologischen Nachsorge in einer Rehaklinik auch die Aufarbeitung von dieser Seite. Es gibt auch die Möglichkeit in Gruppen Themenfelder wie “Ängste, Stress, Berufseinstieg…” zu besprechen. Wie mir andere hier berichtet haben, muss dort niemand etwas erzählen, wenn er nicht will. Aber vielen hier tut es gut zu hören, dass auch andere die gleichen Ängste und Sorgen hatten und haben und man diese teilen kann.

Andere finden ihre Ruhe im “Qi Gong” – für mich wäre das nichts: Bäume zu umarmen oder Regenbögen zu halten. Aber von meinem Fenster aus kann ich fast jeden Tag einen Mann beobachten, der immer ganz in schwarz gekleidet seine Übungen im Garten macht. Mit ganz langsamen eleganten Bewegungen bewegt er sich, ganz auf sich konzentriert. Und es ist wirklich eine Kunst, sich bei den Entspannungsübungen nicht durch Außengeräusche ablenken zu lassen. Besonders wenn jemand neben einem zu schnarchen beginnt oder hustet. Ich besuche hier die “Geleitete Imagination”, das ist eigentlich nichts anderes als eine Phantasiereise. Wenn es einem gelingt, sich ganz darauf einzulassen, kann das sehr schön sein und immer wenn ich die Augen wieder öffne, schaue ich in sehr zufriedene, lächelnde Gesichter, die zumindest für zwanzig Minuten ihre Sorgen und Ängste hinter sich gelassen haben.

Heute beginnt mein Tag wieder mit “Gehen 3″. Ich unterhalte mich lange mit J., der morgen abreist. Auf mich machte er hier in der Klinik einen immer gut gelaunten, fröhlichen Eindruck – immer einen lustigen Spruch auf dem Lippen. Außerdem gehört er hier zu den fittesten, macht viel Sport und spielt zu Hause im Handballverein. Im Laufe unseres Spaziergangs wird unser Gespräch jedoch plötzlich sehr ernst. J. erzählt, dass er ohne diese positive Einstellung vielleicht gar nicht durch seine Erkrankung durch gekommen wäre. “Bei mir ist nicht alles so glatt gelaufen”, erzählt er. Als ich nachhake, stellt sich heraus, dass er einen Herzstillstand während seiner Darm-OP hatte. 27 Lymphknoten wurden ihm entfernt und dann traten auch noch weitere Komplikationen auf: “Die Ärzte haben irgendwelche Nerven durchtrennt, weshalb ich nun auf natürlichem Weg defintiv keine Kinder mehr zeugen kann. Als sich dann heraus stellte, dass eine Chemo doch noch notwendig war, blieb mir nur durch einen operativen Eingriff die Möglichkeit, hier noch Vorsorge zu treffen.” 72 Stunden lief die Chemo am Stück durch seinen Port (3Tage und Nächte!), auch zu Hause hing er an der Infusion. Als ich ihn frage, ob er in dieser Zeit wenigstens Unterstützung von Freunden und Familie hatte, spüre ich, dass ich wieder kein gutes Thema angesprochen habe. “Meine Freundin hat das nicht ausgehalten, mich zu Hause an der Infusion hängen zu sehen. Sie hat sich in dieser Zeit zunehmend zurückgezogen.” Auch von seinen Eltern fühlte er sich alleingelassen: “Irgendwie hatten die die Einstellung, dass ich jetzt erwachsen bin und da schon durchkomme.” Ich werfe ein, dass es vielleicht nur ein Schutzmechanismus von ihrer Seite aus war – vielleicht konnten auch sie es nicht aushalten, ihren Sohn so zu sehen. Doch auch jetzt scheint es sie wenig zu interessieren, wie es ihm geht. Schließlich hat sich seine Freundin noch von ihm getrennt.

Am liebsten möchte ich ihn in dem Moment einmal drücken, so sehr fühle ich gerade mit ihm mit. Aber wir sind mitten im “Gehen3-Tempo” und vor und hinter uns läuft der Rest der Gruppe. So bleibt mir nur zu sagen, wie sehr ich es bewundere und wie stark ich es von ihm finde, dass er das alles durchstanden hat, dass er wieder so fit ist und hier auch noch gute Laune verbreiten kann. “Ja, darauf bin ich auch stolz!”, sagt er und wir lächeln uns an.

Mir wird wieder einmal bewusst, was für ein Glück ich hatte: Nicht allein durch diese Krankheit zu müssen, meinen Mann und meine Familie um mich und nah bei mir zu haben, Freunde, die nach jeder Chemo angerufen haben und fragten, wie es mir geht – die mich auf andere Gedanken brachten. Kollegen, die mir Karten und Emails geschrieben haben, Blumen die geschickt wurden. Ihr lieben Menschen dort draußen: Vielen, vielen Dank dafür! Es hat so gut getan!

Jeden Tag sitze ich hier dreimal in einem riesigen Speisesaal mit ca. 240 an Krebs erkrankten Menschen. Wie viele von ihnen hatten wohl nicht dieses Glück? Wie viele von ihnen mussten wohl ganz alleine durch diese Krankheit hindurch…?

Nachdem gestern den ganzen Tag über die Sonne schien und wir auch keine Anwedungen hatten, zog es uns an den Strand. Wir, das sind Ju., die ich am Abend zuvor beim Fußball gucken im Cins (Dortmund gegen HSV) kennen gelernt habe, F. und ich. Ju. gehört auch zur “jungen Truppe” hier (33) , hatte, wie fast alle Frauen hier, Brustkrebs und macht nun ihre AHB. Wir verstehen uns sofort und schlossen den Abend mit einer sehr lustigen Kinffelrunde ab.

Für Samstag verabredeten wir uns zu einer Wattwanderung mit der Schutzstation. Ich musste natürlich viel an meine eigenen Wattwanderungen denken und habe die zwei Stunden im Watt mit Muschelsuchen, Tiere bestimmen und im-Schlick-Waten sehr genossen. Wie man hier sieht, war ich da nicht die einzige…

Auch während der Wattwanderung lässt uns der Therapiealltag nicht los und ständig fällt ein Witz über das Rehaleben. Als wir lernen, dass die Wattschnecke nicht nur die kleinste Schnecke der Welt ist, sondern mit 7km/h auch die schnellste, fällt z.B. der Spruch: “Da kann sie ja bei Gehen 3 mitmachen!” – Ja, das ist schon sehr nett hier.

Den restlichen Tag haben wir wirklich faul am Strand verbracht. Sind über das Drachenfestival geschlendert, lagen im Sand und haben im “Strandgut”, einem der Pfahlbauten, gegessen. Es ist schon verrückt, was wir dort – zwischen Currywurst und Waffeln – mal wieder für Gespräche geführt haben. Das mit an unserem Tisch sitzende ältere Paar, verstummte auch zunehmend und bekam immer größere Ohren, als wir dort von Samenbanken, Eizellen- und Eierstockentnahmen sprachen, uns unsere Narben zeigten und die Ports verglichen. Ein bisschen schockierend muss das schon klingen, aber wir haben dabei sehr viel gelacht. Als sich das Ehepaar dann von uns verabschiedete, haben wir uns fast gewundert, dass sie nicht noch so etwas wie: “Ja, dann wünschen wir Ihnen alles Gute für ihre Familienplanung” wünschten.

Manchmal wechselt die Stimmung aber auch sehr schnell zwischen Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit. Ich muss daran denken, dass ich mich beim Frühstück mit Ju. über besonders nette Begegnungen mit Ärzten unterhalten habe.  Ju. erzählt, dass der Arzt bei ihrem Abschlussgespräch das Thema “genetische Disposition” ansprach. Mitten in seinem Redefluss fielen die Sätze: “Ja, wenn eine genetische Disposition bei Ihnen vorliegt, dann sollten Sie vorbeugend beide Brüste amputieren und die Eierstöcke entfernen lassen.” Während Ju. diesen Sätzen völlig geschockt hinterher hing, sprach der Arzt ohne Unterbrechung weiter, bis Ju. wieder die Fassung errang und ihn stoppen konnte. Inzwischen weiß sie, dass bei ihr keine genetische Disposition vorliegt, aber was Ärzte in solchen Gesprächen auslösen können, ist ihnen anscheinend nicht bewusst und man kann darüber nur den Kopf schütteln.

Von solchen Erinnerung erholen wir uns hier, indem wir immer wieder davon erzählen – und indem wir einfach abends noch einmal zum Meer fahren und einen wunderschönen Sonnenuntergang, eingemummelt in eine dicke Wolldecke und mit einem Glas (“echten”) Rotwein in der Hand, genießen. Es ist schön hier!

Man glaubt es kaum, vormittags ist es hier grau und regnet und nachmittags pustet der Wind alle Wolken weg und plöltzlich haben wir hier blauen Himmel und schönsten Sonnenschein. Deshalb hat sich auch mein Blogschreiben verzögert – ich nutze bei Sonne jede Gelegenheit, um draußen zu sein.

Heute muss ich einfach noch einmal ein Loblied auf diese Klinik hier singen. Es ist wirklich beachtlich, dass das Personal hier durchweg jung, motiviert und freundlich ist. Wenn man sich überlegt, wie viele Arbeitsplätze so eine Klinik schafft, ist das wirklich ein richtiger Betrieb hier. Neben “normalen Klinkpersonal” – also Verwaltung, Ärzte, Schwestern, Reinigungskräfte, Küchenpersonal – beschäftigt diese Rehaklinik noch Physio-, Ergo- und Sporttherapeuten, Masseure, Psychologen, Sozialarbeiter, Ernährungsberater,Bademeister, Gärnter… und bestimmt habe ich noch jemand vergessen. Und wirklich durchweg alle sind sehr freundlich und wohlwollend.

Und wer denkt, das Sportprogramm ist hier ein Schonprogramm, der irrt sich. Hier wird man ständig sehr nett angespornt, die Beine und Arme noch höher zu strecken, oder noch schneller zu laufen…: “Wir sind ,Gehen3′, hier wird nicht so viel gequatscht” oder: “Wiebke, ich will deine Zehenspitzen aus dem Wasser herausgucken sehen! Du kannst das!” Und das aber immer mit einem Lachen im Gesicht… Mir macht das Sportprogramm hier jedenfalls richtig Spaß, obwohl ich inzwischen auch zugeben muss, dass Aerobic und Aquafitness eher Frauensportarten sind und das Angebot aus der Männerperspektive vielleicht nicht so ansprechend ist. Wie hat F. dazu gesagt? “Das sind irgendwie nicht so ganz meine Bewegungsabläufe”. Immerhin gibt es auch noch die Sportthearpie, wo man(n) sich bei Badminton und Volleyball etwas austoben kann.

Heute ist mein Sportprogramm schon mittags beendet. Den Nachmittag verbringen wir bei Sonnenschein beim Drachenfestival am Strand.  Es sieht toll aus, wie die bunten Drachen vor dem blauen Himmel auf- und abflattern (Foto folgt noch). Wir spazieren am Meer entlang, sehen den Kitesurfern zu und legen uns anschließend in einen Liegestuhl an einem kleinen Pfahlbautenkiosk. Es ist ein richtiger Urlaubstag und wir beschließen sogar das Abendessen ausfallen zu lassen (18.00 Uhr ist einfach manchmal zu früh!) und lieber noch die Sonne zu genießen. Später esse ich mein erstes Fischbrötchen und es schmeckt, das muss ich jetzt mal so schreiben, “verdammt lecker”!

 

„Schweinswalwetter“, das bedeutet Sonne, blauer Himmel und vor allem kein Wind. Dann ist die Nordsee ruhig und auf Sylt ist es das beste Wetter gewesen, um Schweinswale vom Strand aus zu beobachten. Die wenigsten Menschen wissen, dass es diese Tümmlerart hier gibt – kleine Delphine, die ihre Finne immer mal wieder aus dem Wasser strecken und die nur ca. 15-20m vom Strand entfernt schwimmen. Leider schwimmen sie besonders vor Sylt, da dort ein Schutzgebiet ist und nur unter bestimmten Bedingungen gefischt werden darf. In St. Peter-Ording kommt das leider seltener vor.

Trotzdem habe ich sowohl gestern als auch heute mein „Programm“ verkürzt und bin an den Strand gefahren. Jede Woche bekommt man hier einen neuen Plan mit den Anwendungen und das Tagesprogramm kann ganz schön voll sein, wenn man auch alle Vorträge anhört, die auf der Liste stehen. Allerdings sind sie freiwillig und bei diesem Wetter zog es mich doch ans Meer. Gestern haben K. und ich einen langen Strandspaziergang gemacht und dabei zum ersten Mal so richtig gemerkt, dass hier gerade Hauptsaison ist. In den bewachten Strandabschnitten lagen die Menschen, wie man sieht, dicht an dicht… Kein Wunder, wo doch die große Tafel am Pfahlbautenkiosk verkündete, dass „heute Sommer ist“.

K. ist eine erstaunliche Frau. Stellt euch eine „typische“ Finanzberaterin im öffentlichen Dienst vor. Etwas bieder, strenge Brille. Aber, was sie von sich erzählt, ist für mich kaum zu glauben. Vor ihrer ersten Erkrankung mit 29 Jahren hat sie „Grufti-Zeiten“ durchgemacht. Lief nur in schwarzer Kleidung herum, mit Springerstiefeln und schwarz gefärbten Haaren. „Dann war mir das Schwarz irgendwann zu dunkel und mit meiner Erkrankung die ganze Szene auch zu depressiv, also habe ich mir die Haare erst grün, später rot gefärbt. Hab mich noch erkundigt, ob das auch kein Kündigungsgrund ist. War es nicht. In der Klinik hat der Arzt dann immer zu mir gesagt: ,Da ist ja unser Pumuckl wieder!’“ K. hat wohl sehr viel geraucht und auch getrunken, womit sie dann aufhörte. „Irgendwie hatte ich dann die Partyzeiten hinter mir und auch keine Lust mehr, als Pumuckl herum zu laufen. Die Krankheit hat mich erwachsen werden lassen.“ Über Veränderungen durch die Krebserkrankung sprechen wir hier auch viel. Manchmal ist das aber gar nicht so leicht – plötzlich anders zu leben – obwohl es irgendwie jeder nach so einer Erkrankung erwartet. Oft wurde ich gefragt: „Lebst du jetzt intensiver? Hat sich etwas in deinem Leben verändert?“ Hier stelle ich fest, dass es vielen so geht: Man wünscht sich nach dieser Erkrankung eigentlich gerade, dass endlich wieder das normale Leben, der Alltag losgeht. Viele freuen sich darauf, wieder arbeiten zu können und auch ich habe mich darauf gefreut. Auf der anderen Seite denkt man dann manchmal: Geht das jetzt einfach so – wieder in den Alltag abzutauchen? Müsste ich jetzt nicht ganz anders leben? Manchmal fällt gerade deshalb das Leben „danach“ vielen schwerer als vorher.

Vielleicht ist aber auch das etwas, was man nach der Erkrankung mitnimmt: Den Alltag wieder mehr schätzen zu können. Wie schön es ist, arbeiten zu können, wieder einen „normalen“ Tagesablauf zu haben.

Abends gehen wir zusammen in den „Schafstall“, eine Kneipe hier nebenan im „Westküstenpark“. Das ist ein kleiner Tierpark mit Eseln, Schafen, Ziegen, aber auch einem Robbenbecken, Störchen und vielen anderen hier heimischen Tieren. Wir sind eine größere Gruppe, ich sitze neben C., einer Frau Mitte 40. Wir lachen viel, reden über Haare und Haarausfall und wie die Haare nachher wieder zum Vorschein kommen. Manche bekommen nach einer Chemo plötzlich Locken, bei anderen werden sie dunkel, manchmal auch grau. Auch C. hat, besonders oberhalb der Stirn eine breite graue Strähne. Sie nimmt es mit Humor: „Und dann heiße ich auch noch „Silbermann“ mit Nachnamen. Das geht ja gar nicht. Die Strähne kommt auf jeden Fall bald weg“, sagt sie lachend. Auch B. sitzt mit am Tisch. (B. ist die Frau, die am Wochenende Besuch von ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn hatte.) Ich frage sie, ob sie mit ihm über ihre Krankheit gesprochen hat. „Ja, das habe ich. Ich habe ihm zum Beispiel erzählt, dass ich meine Haare verlieren werde, woraufhin er wissen wollte, ob ich dann so aussehe, wie ein Playmobilmännchen. Die haben doch so ein Loch im Kopf, wenn man die Haare abmacht. Aber da konnte ich ihn zum Glück beruhigen, ein Loch im Kopf hab ich schließlich nicht bekommen.“ Auch sie lacht darüber, obwohl es ihr sicher nicht leicht gefallen ist, mit ihrem gerade erst vierjährigen Sohn dieses Thema zu besprechen.

Als ich schon im Bett liege, muss ich noch eine Weile darüber nachdenken, wie wichtig es für Kinder ist, dass man mit ihnen gerade auch solche Themen bespricht. Auch wenn man vielleicht als Mutter oder Vater denkt, man möchte dieses schwere Thema von seinen Kindern fernhalten. Kinder machen sich ein ganz eigenes Bild und ihre ganz eigenen Gedanken dazu und ich glaube auch, sie würden sehr genau spüren, wenn etwas mit der Mama nicht stimmt oder dass sie plötzlich ganz anders aussieht. Ist es nicht eigentlich eine schreckliche Vorstellung, dass die Mama ein Loch im Kopf haben könnte? Wie gut, dass B. ihm diese Angst nehmen konnte.

Heute beginnt mein Programm, wie ich bereits geschrieben habe, schon um 7:15 Uhr. Ich kann aber gar nicht oft genug betonen, dass ich das seeeehhhhr früh finde. Leider hat sich das Aufstehen noch nicht einmal gelohnt. Der Therapeut hält eine Stunde lang einen Vortrag darüber, dass sich unsere Gesellschaft unnatürlicherweise zu einer „Sitz-Gesellschaft“ entwickelt hat, obwohl die Menschen früher sich nur zum Essen und Unterhalten hingesetzt haben – und das auf den Boden im Schneidersitz. Er gibt am Ende aber selbst zu, dass er wohl etwas weit ausgeholt hat – schließlich hieß die Anwendung „Arbeitsplatztraining“ und das hatte ich mir doch etwas konkreter vorgestellt. Naja, es steht diese Woche noch dreimal auf meinem Plan (zum Glück aber nicht immer um 7:15 Uhr) und da wird es ja hoffentlich noch etwas handlungsorientierter…!

Heute habe ich auch noch die „Lungenfunktionsprüfung“. Man sitzt in einer kleinen Glaskabine, muss sich die Nase abklemmen und durch einen Schlauch pusten. Manchmal wird ein Widerstand eingebaut – das ist etwas merkwürdig, denn man muss trotzdem normal weiter atmen, obwohl es sich anfühlt, als ob das gar nicht geht. Jedenfalls wird, wie der Name schon sagt, meine Lungenfunktion damit gemessen. Die Ergebnisse erfahre ich dann morgen bei der Visite.

Ein paar Dinge gibt es hier, an die ich mich nicht richtig gewöhnen kann: Einmal sind es die „norddeutschen Grußformeln“. Sehr nett finde ich ja das „Moin“ oder auch „Moin moin“. Allerdings sagt man das hier eben nicht nur morgens, sondern das heißt auch so viel wie „Hallo“ und kann zu jeder Tageszeit gesagt werden. Gar nicht über die Lippen will mir der Mittagsgruß „Mahlzeit“ kommen. Im Speisesaal ist das ja noch ok, aber wenn ich vor einer Untersuchung im Flur sitze, dann finde ich es irgendwie immer noch komisch, wenn ich mit „Mahlzeit“ begrüßt werde. Aber das ist hier im „hohen Norden“ ganz normal! A propos Speisesaal: Daran werde ich mich auch nicht gewöhnen: Das Durchschnittsalter ist im Sommer tatsächlich noch höher als bei meiner AHB im Winter. Und irgendwie habe ich das Gefühl, je älter die Menschen sind, desto mitleidiger schauen sie mich auf dem Weg durch den Speisesaal an. Ich kann ihren Gesichtern ablesen, dass sie denken: „Die ist ja noch so jung – und hatte schon Krebs…!“ (Ich werde hier sowieso immer jünger geschätzt und ich glaube, momentan bin ich hier auch tatsächlich die Jüngste). Ja, es ist nicht schön, Krebs gehabt zu haben. Aber wenn ich die Geschichten der Menschen hier höre, dann denke ich immer noch, mir geht es doch gut! Ich bin wieder gesund und – toi, toi, toi – ich hatte auch nicht, wie andere hier, einen Rückfall.

Abends lerne ich aber tatsächlich zwei Menschen in meinem Alter kennen – sogar Männer – das ist hier die absolute Seltenheit (in dieser Altersstufe). Einer von ihnen toppt sogar die Altersgrenze nach unten, F. ist nämlich 32. Er hatte, so wie ich, ein Lymphom – allerdings die Non-Hodgkin-Variante (ja, die gibt es auch noch!).

Ein bisschen absurd war unser Gespräch dann aber doch, denn als ich erzählte, dass die Ärzte zu mir immer sagten: „Wenn ich mir einen Krebs aussuchen müsste, dann würde ich diesen nehmen, denn er hat die besten Heilungschancen“, sagte F.: „Aber ich habe doch immer allen erzählt, dass ich den besten Krebs hatte!“ Wir lachen.

F. ist in diesem Jahr gleich zweimal mit dem Leben davon gekommen – er hatte direkt vor seiner Krebserkrankung einen schweren Snowboardunfall – ist gegen eine Gletschereiswand geknallt und dann in eine ca. ein Meter tiefe Gletscherspalte gefallen. Er dachte im ersten Moment, dass er tot sei. Bewegen konnte er sich dann aber doch noch – es hat gerade gereicht, um den Arme noch zu heben, damit ihn sein Freund im Schnee findet. Dann war er weg und wachte mit Schrauben und Stangen im Rücken auf. Und zwei Wochen später kam die Diagnose Krebs. Das ist schon Wahnsinn, oder?

J., der andere Mann, kann nicht gerade behaupten, den „besten Krebs“ gehabt zu haben. In seiner Familie kam sehr häufig Darmkrebs vor und als J. 29 war, sagte seine Mutter, er müsse darauf achten und solle zur Vorsorge gehen. „Mit 29 habe ich das noch nicht ernst genommen. Ich dachte mir, ich bin noch so jung und viel Sport habe ich auch gemacht.“ Er macht eine Pause. „Naja, mit 32 bin ich dann doch mal hingegangen. Hab mir gedacht, kann nicht schaden. Und prompt haben sie etwas gefunden. Aber selbst da war ich noch blauäugig. Dachte mir, so schlimm wird es nicht sein. Mein Onkel ist den Krebs ohne Chemo und nur endoskopisch losgeworden und da habe ich mir gedacht, das wird schon alles. Dann saß ich beim Arzt und der sagte: ,Na, sie sind ja noch gut drauf!’ Tja, und dann hat sich heraus gestellt, dass das alles nicht so einfach ist, wie ich mir das vorgestellt hatte.“ F. hat eine schwere OP hinter sich. Ihm wurde nicht nur ein Teil des Darms herausgenommen, sondern auch der Leber, Galle und des Blinddarms. Durch die Chemo musste er dann auch noch. Seine Geschichte hat mir mal wieder gezeigt, wie wichtig Vorsorgeuntersuchungen sind. Besonders dann, wenn in der Familie anscheinend eine genetische Disposition vorliegt. J. hat sich absolut fit und gesund gefühlt – obwohl in seinem Körper der „böse Bursche“, wie J. und F. ihn nennen, schon gewütet hat. Das ist an diesem ganzen Mist wirklich das absolut Gemeinste: Dass er sich nicht immer (gleich) bemerkbar macht.

Deshalb – und das sage ich nicht mir erhobenen Zeigefinger – sondern ich rufe es euch heute laut zu: „Geht zur Vorsorge. Lasst euch durchchecken!“

Was für ein Abendruf. Gute Nacht.

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